Das wirkliche Leben von Adeline Dieudonne – Rezension

Unbeschreiblich intensiv

Das wirkliche Leben von Adeline Dieudonne – Rezension

Ich mag französische Literatur, sie hat ein ganz eigenes Flair. Und dieser Roman hat mich enorm überrascht und total umgehauen!

Worum es geht:
Eine Reihenhaussiedlung am Waldrand, wie es viele gibt. Im hellsten der Häuser wohnt ein zehnjähriges Mädchen mit seiner Familie. Alles normal. Wären da nicht die Leidenschaften des Vaters, der neben TV und Whisky vor allem den Rausch der Jagd liebt.
In diesem Sommer erhellt nur das Lachen ihres kleinen Bruders Gilles das Leben des Mädchens. Bis eines Abends vor ihren Augen eine Tragödie passiert. Nichts ist mehr wie zuvor. Mit der Energie und der Intelligenz einer mutigen Kämpferin setzt das Mädchen alles daran, sich und ihren Bruder vor dem väterlichen Einfluss zu retten. Von Sommer zu Sommer spürt sie immer deutlicher, dass sie selbst die Zukunft in sich trägt, wird immer selbstbewusster – ihr Körper aber auch immer weiblicher, sodass sie zusehends ins Visier ihres Vaters gerät.

Wenn Bücher von der Presse hochgelobt werden, bin ich meistens skeptisch. Aber hier geschieht das zu Recht. Schon lange hat mich ein Buch nicht so sehr überrascht, berührt und gleichzeitig fasziniert.

Die Story ist hart und auch sehr brutal. Aber die Sprache ist gleichzeitig wunderschön und poetisch und auf den Punkt gebracht. Kein langes Drumherum, sondern akzentuiert und präzise.

Dabei lässt Adeline Dieudonne ihre Hauptfigur, das zehnjährige Mädchen, dessen Namen ich nicht erfahren werde, aus ihrer Sicht erzählen. Sie bleibt die ganze Zeit die Stimme aus dem Off, was hier sehr viel Nähe und Authentizität bringt. Das junge Mädchen erzählt sehr offen und schonungslos, ihre Gefühle und auch ihr Verhalten kann ich gut nachvollziehen. Und ihre Panik! Ganz zu Anfang passiert etwas, was der Geschichte eine komplett andere Wendung gibt, dieser Vorfall ist der Auslöser von so viel Unheil und Unglück. Und dann passiert etwas, was selbst mich als Leser komplett aus der Bahn geworfen hat. Ich konnte kaum glauben, was ich da gelesen hatte …

Adeline Dieudonne spielt gekonnt mit meinen Gefühlen und auch mit meinen Ängsten und obwohl ich ja nur zuschaue, bin ich dennoch mittendrin in diesem familiären Gefühlschaos. Das ist so eine Geschichte, wo es schwer fällt, einfach weiter zu lesen. Man möchte eingreifen, helfen, warnen und der Geschichte eine andere Richtung geben. Und dann konnte ich mich wieder fallen lassen in die wunderschöne Sprache.

Es ist ein Buch der Gegensätze, es ist ein Buch der brutalen Realität und ganz weit weg von der schönen heilen Welt. Und gerade dafür habe ich es geliebt!

Mein Fazit zu “Das wirkliche Leben”: Beeindruckendes und geheimnisvolles Verwirrspiel, das am Ende perfekt aufgelöst wird.

Über Adeline Dieudonné: Adeline Dieudonné, 1982 in Brüssel geboren, wo sie mit ihren beiden Töchtern auch heute wieder lebt, ist von Beruf Schauspielerin. Nach mehreren preisgekrönten Erzählungen und einem erfolgreichen One-Woman-Theaterstück hat “Das wirkliche Leben” die Herzen der französischsprachigen Leser im Sturm erobert: Das grandiose Romandebüt stand monatelang auf der französischen Bestsellerliste, wurde mit 14 (!) Literaturpreisen ausgezeichnet und wird in 20 Sprachen übersetzt. (Quelle: Verlagsseite)

Von | 2020-07-03T09:20:05+02:00 03/07/2020|Kategorien: Gegenwart, Rezension|Tags: , , , |0 Kommentare

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